„Die wilden 60er, 70er und 80er“: Ausstellung im Kulturforum Als Rudi Dutschke nach Buxtehude kam

tk. Buxtehude. „Und dann die Jungs aus Buxtehude und aus Lüneburg. Die machten Freitagnacht bis Sonntagmorgen durch“: Diese Buxte-Zeile aus „Penny Lane“ von Udo Lindenberg hat nichts mit dem Stadtnamen Buxtehude als beliebtes Synonym für das provinzielle Nichts zu tun. Eher damit, dass in den 1970er Jahren ein Buxtehuder öfter in der chaotisch-kreativen Künstler-WG mit Lindenberg, Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen zu Gast war: Dieter Klar, Fotograf und damals wie auch heute Kulturmacher. So wird Udo Lindeberg genauso Teil einer spannenden Ausstellung im Kulturforum in Buxtehude wie Rudi Dutschke, der als prominentester Vertreter der Studentenrevolution in Deutschland 1968 eine Rede an der Halepaghenschule in der Estestadt gehalten hat. Die war in den 1960er Jahren bundesweit bekannt, weil sie das Gegenteil des altbackenen Gymnasiums war.

„Die Wildheit und den Drang zu Neuerungen lebendig werden lassen“

„Die wilden 60er, 70er und 80er“ heißt die Ausstellung, die Dieter Klar gemeinsam mit dem ehemaligen Buxtehuder Stadtarchivar Bernd Utermöhlen realisiert hat. Die beiden Ausstellungsmacher haben im Archiv des Fotografen gestöbert, alte Szene-Zeitungen hervorgekramt  und damit „die Wildheit und den Drang zu Neuerungen und Veränderungen lebendig werden lassen“, so das kreative Duo.

Dieter Klar hatte in den 60er Jahren die „Kunstkiste“ am Fleth. Ein Fotostudio, Galerie und Kunstschmiede. Als Fotograf war er in vielen Ländern unterwegs. „Buxtehude war damals eher links“, sagt Klar über die Zeit des Auf- und Umbruchs.

„Buxtehuder Modell“ sorgte für bundesweiten Skandal

Ein Paradebeispiel für die gewaltigen Veränderungen sei die Halepaghenschule (HPS) gewesen. Das „Buxtehuder Modell“ sorgte für Reaktionen von Entsetzen bis Schlagzeilen. Auch „Der Spiegel“ berichtete. Die beiden letzten Oberstufenjahrgänge konnten sich ihre Lehrer, die Inhalte der Stunden sowie die Unterrichtszeiten selbstbestimmt aussuchen. Daher kam auch Rudi Dutschke nach Buxtehude, um in der Estestadt zu reden. „Der Ruf des Buxtehuder Modells zog sogar Schüler aus Frankfurt und dem Ruhrpott an“, erzählt Dieter Klar.

„Es war eine total andere Zeit“

Politisch eher links orientiert, war auch ein Zusammenschluss von Künstlerinnen und Künstlern sowie Bürgern der Stadt: die IG Kunst. Sie entstand Anfang der 1970er Jahre und trat von Anfang an mit der Planung und Realisation von Projekten in Buxtehude an die Öffentlichkeit. Etwa mit Aktionen wie „Rettet das Fleth“. Das sollte für Parkplätze planiert werden. „Es war eine total andere Zeit“, sagt Dieter Klar über das kreative und auch aufbegehrende Miteinander von Buxtehudern, die mit Neuem den spießigen Mief der Nachkriegszeit, gesellschaftspolitisch aber auch das unaufgearbeitete Erbe der Nazis, hinter sich lassen wollten.

Die Ausstellung zeigt, wie vielfältig, bunt und politisch das Buxtehude in den 1960er bis in die frühen 1980er Jahre war. Geschichte wiederholt sich nicht. Doch es gibt einen spannenden roten Faden: 1968 sind Schüler der HPS vom Schafmarktplatz in Buxtehude-Altkloster gen Rathaus gezogen und haben laut „enteignet Springer“ skandiert. Heute sind Jugendliche auf genau diesem Weg unterwegs und rufen nicht minder lautstark: „Climate Justice“. „Fridays For Future“ sind so politisch wie ihre Vorgänger in den späten 1960er-Jahren.
• Die Ausstellung ist ab Sonntag, 14. Juni, im Kulturforum am Hafen in Buxtehude, Hansestraße, zu sehen. Zunächst nur sonntags von 11 bis 18 Uhr unter den geltenden Corona-Bestimmungen. Eine Eröffnungsveranstaltung findet nicht statt.

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