Diskussion um Femizid „Morde in Beziehungen nicht bagatellisieren“

(bim). Ein 57-jähriger Mann aus Drage ersticht am 2. Februar seine 56-jährige Frau und nimmt sich anschließend selbst das Leben. Taten wie diese kommen leider häufig vor. Laut der frauenpolitischen Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Nadja Weippert (38) aus Tostedt, handelt es sich nicht um eine Beziehungstat oder ein Familiendrama. Im WOCHENBLATT-Interview erläutert sie, warum, und was sich gesellschaftlich ändern muss.
WOCHENBLATT: Warum bezeichnen Sie den Mord in Drage als „Femizid“ und nicht als „Beziehungstat“?
Nadja Weippert: Es wird Zeit, dass wir auch in Deutschland Gewalttaten wie z.B. in Drage klar als das benennen, was sie sind: Frauenmorde! Denn im Schnitt jeden dritten Tag bringt in Deutschland ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin um. In der Corona-Krise haben körperliche Angriffe und psychische Gewalt massiv zugenommen. Bei dem Frauenmord in Drage klingt es nach einem klassischen „Femizid“, also der Tötung einer Frau durch einen Mann aufgrund ihres weiblichen Geschlechtes, da auch in diesem Fall anscheinend eine Trennung bzw. Scheidung Auslöser der Gewalttat war.
Leider werden in Deutschland solche Taten fälschlicherweise immer noch als „Beziehungstat“ oder „Familiendrama“ abgestempelt und auf diese Weise bagatellisiert. Diese Begrifflichkeiten verharmlosen den Tatbestand des Mordes. Die Verantwortung des Täters wird heruntergespielt.
Die in den meisten Fällen vorhergegangene Gewalt gegen Frauen in einer Beziehung wird dadurch ebenfalls verschleiert. Denn physische Gewalt gegen Frauen ist oftmals erst die letzte Eskalationsstufe in einer von Gewalt geprägten Beziehung. Sowohl wirtschaftliche Gewalt durch finanzielle Abhängigkeit als auch psychische Gewalt z.B. in Form von Nachstellungen und Bedrohungen gehen der physischen Gewalt meistens voraus. Gewalt gegen Frauen kennt übrigens weder Alter oder Nationalität noch Bildungsstatus oder soziale Schichten.
WOCHENBLATT: Gibt es wissenschaftliche Statistiken/Untersuchungen, welche Gründe ursächlich für solche Morde sind?
Nadja Weippert: Die Motive der mordenden Männer sind in den meisten Fällen Eifersucht, Abweisung und gekränkte Eitelkeit. Den Männern werden in unserer patriarchalen Gesellschaft nach wie vor mehr Freiheiten in Beziehungen zugestanden als Frauen. Wenn sich beispielsweise eine Frau von ihrem Partner trennt und kurze Zeit später bereits einen neuen Partner hat, wird sie von ihrer Umwelt oftmals als „Schlampe“ abgestempelt und für das Scheitern der Ehe / Beziehung verantwortlich gemacht. Ein Mann hingegen darf auch während einer Ehe fremdgehen oder mehrere außereheliche Beziehungen führen. Er erfährt dadurch sogar oftmals gerade in seinem männlichen Freundeskreis noch große Anerkennung, frei nach dem Motto: „Was für ein toller Hengst!“ Diese Schieflage der geschlechtlichen Rollenbilder zeigt, dass wir auch im Jahr 2021 von echter Gleichberechtigung noch weit entfernt sind.
WOCHENBLATT: Frauen in Frauenhäuser zu bringen und damit die Opfer aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen, kann keine Lösung sein. Aber warum bringt die seit 2002 zur Verfügung stehende Möglichkeit, den Täter mehrere Tage „wegzuweisen“, so wenig?
Nadja Weippert: Nicht erst seit der Corona-Pandemie dauern solche Anträge vor den Familiengerichten viel zu lang. Die Gerichte sind personell dem Antragsaufkommen oftmals leider nicht mehr gewachsen. Dabei geht es nicht nur um Verfahren zur Wohnungszuweisung, sondern insbesondere auch um Unterhaltsverfahren, vor denen viele Frauen aus Angst vor der Abhängigkeit vom Ex-Partner zurückschrecken. Viele Männer nutzen diese finanziellen Abhängigkeiten ihrer (Ex-)Frauen leider aus. Gerade Frauen mit kleinen Kindern bis zum Grundschulalter sind oftmals mangels eigenem Einkommen nicht in der Lage, sich selbst eine Wohnung zu mieten, geschweige denn für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Auch wenn für Väter eine Unterhaltspflicht besteht, kommen sehr viele dieser Pflicht nicht oder nur in zu geringem Maße nach. Der vom Staat gewährte Unterhaltsvorschuss reicht trotz Kindergeld aber meistens nicht aus, um den Lebensunterhalt des Kindes komplett zu bestreiten. Daher entschließen sich leider viele Frauen für die Familie und gegen die konsequente Trennung aus einer toxischen Paarbeziehung.
WOCHENBLATT: Wie können Frauen sich aus gewalttätigen oder psychisch belastenden Beziehungen befreien?
Nadja Weippert: Indem wir Frauen immer wieder aktiv darin bestärken, sich aus solchen toxischen Beziehungen zu befreien und Missstände (soweit sie uns bekannt sind) offen anzusprechen: „Es ist nicht normal, dass dein Partner deine Ausgaben und E-Mails kontrolliert. Es ist nicht normal, dass dein Ex-Partner dich verfolgt. Es ist nicht entschuldbar, dass dein Freund dir die Nase bricht.“
Es gibt bundesweit viele Präventions-Projekte und Hilfsangebote (siehe Kasten). Jedes Jahr am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, fordern insbesondere Politikerinnen andere Frauen dazu auf, endlich ihr Schweigen in Bezug auf ihre Gewalterfahrungen zu brechen (#Schweigenbrechen). Sie selbst reden aber meistens nicht über ihre eigenen persönlichen Erfahrungen. Obwohl sie selbst nicht weniger davon betroffen sind. Das muss sich ändern! Gerade äußerlich stark wirkende Frauen in unserer Gesellschaft müssen als Vorbilder vorangehen und offen über ihre Gewalterfahrungen sprechen, damit auch andere Frauen sich öffnen, die Gesellschaft sensibilisiert und langfristig eine Veränderung herbeigeführt wird. Im Jahr 2019 ist laut Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) statistisch gesehen an fast jedem dritten Tag eine Frau durch die Tat ihres Partners oder Ex-Partners gestorben. Umgerechnet alle 45 Minuten werde eine Frau durch ihren Partner verletzt oder angegriffen. Die Zahlen steigen seit 2015 an. Seit dem Jahr werden Polizeiberichte entsprechend ausgewertet. Demnach wurden zuletzt 117 Frauen und 32 Männer Opfer von tödlicher Partnerschaftsgewalt. Bei 301 Frauen und 93 Männern habe es im vergangenen Jahr einen Tötungsversuch in oder nach Beziehungen gegeben. Insgesamt gab es laut Statistik mehr als 141.000 Opfer von vollendeten und versuchten Delikten der Partnerschaftsgewalt.

Hier finden Betroffene Hilfe

Unter der kostenfreien Nummer 08000-116016 und über www.hilfetelefon.de können sich betroffene Frauen, Angehörige und Freunde zu allen Formen von Gewalt gegen Frauen beraten lassen.
An folgenden Anlaufstellen erfahren Opfer (häuslicher) Gewalt Hilfe:
Die Polizei über das Notruftelefon 110
Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt (BISS), (Landkreis Harburg, Tel. 04181-2197921 www.diakonie-hittfeld-winsen.de/biss) sowie 04141-534415 (Landkreis Stade, www.awostade.de/biss-beratungsstelle)
Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises sowie die Gleichstellungsbeauftragten der Kommunen
Das Frauenhaus bietet einen Zufluchtsort für Frauen und deren Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt sind, Tel. 04181-217151 (Landkreis Harburg), sowie Tel. 04141-44123 (Landkreis Stade)
Der Weiße Ring, Tel. 116006, www.weißer-ring.de.

In der Diskussion um Morde an Frauen in Partnerschaften den Begriff Femizid thematisieren

(bim). Femizid ist ein Wort, das inzwischen immer häufiger in Zusammenhang mit Gewalttaten gegen Frauen genannt wird. Es bezeichnet die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Anlässlich der Berichterstattung rund um den Mord an einer Frau in Drage erhielt das WOCHENBLATT allerhand Kritik. So schreibt zum Beispiel die Diplom-Psychologin Shanti Ulrike Rüger-Dege aus Wulfsen u.a.: „Es fehlen sachliche Hinweise zum eigentlich brisanten gesellschaftlichen Hintergrund: statistische Zahlen zu geschlechtsbezogener Gewalt, Thematisierung der aktuellen Diskussion um den Begriff Femizid, problematische Männlichkeitsideale, geschlechtsspezifische strukturelle Machtungleichheit usw.“
Und weiter: „In einem Interview mit dem Exmann wird diese ermordete Frau als psychisch instabil, aggressiv, ‚Pitbull‘ geschildert – und der individuelle Erklärungsversuch des Exmannes ausgebreitet für dieses ‚Familiendrama‘. Dadurch wird suggeriert, das Opfer habe ja eine Mitschuld, Mitverantwortung an der Tötung. Ach, die Frau war nicht einfach, streitbar, wollte sich trennen usw. – na, dann kann das schon mal eskalieren, das erklärt ja dann, warum der Mann austickte und sie umbrachte. Nein, das sollten wir endlich nicht mehr als Erklärung und Entschuldigung von Gewalt als Konfliktlösung durch Männer akzeptieren!“, so die Diplom-Psychologin.
Statistik des
Bundeskriminalamtes

• Im Jahr 2019 ist laut Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) statistisch gesehen an fast jedem dritten Tag eine Frau durch die Tat ihres Partners oder Ex-Partners gestorben. Umgerechnet alle 45 Minuten werde eine Frau durch ihren Partner verletzt oder angegriffen. Die Zahlen steigen seit 2015 an. Seit dem Jahr werden Polizeiberichte entsprechend ausgewertet.
Laut Statistik des Bundeskriminalamtes wurden im Jahr 2019 durch ihre jetzigen oder früheren Partnerinnen und Partner 141.792 Personen Opfer von Mord und Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Bedrohung und Stalking, Freiheitsberaubung, davon knapp 81 Prozent Frauen.
2019 wurden in Deutschland Frauen und Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt (jeweils vollendete und versuchte Delikte):

von vorsätzlicher einfacher Körperverletzung: über 69.000 Frauen; 17.800 Männer,von Bedrohung, Stalking, Nötigung: 28.906 Frauen; 3.571 Männer,von Freiheitsberaubung: 1.514 Frauen; 183 Männervon gefährlicher Körperverletzung: knapp 12.000 Frauen; 5.169 Männervon Mord und Totschlag: 301 Frauen, 93 Männer.

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