Eltern in Sorge vor Betreuungs-Aus Lebenshilfe Buxtehude will eine Kita loswerden

tk. Immenbeck. Eltern und Kinder in der Lebenshilfe-Kita „Inne Beek“ im Buxtehuder Ortsteil Immenbeck sind in heller Aufregung: Die Lebenshilfe hat das Aus für die Wolfsgruppe zum 1. November angekündigt. Das hat Lebenshilfe-Geschäftsführerin Iris Wolf kurzfristig Anfang Oktober auch der Stadt mitgeteilt, die von dieser Hiobsbotschaft genauso wie die betroffenen Eltern überrascht wurde. Grund für die Schließung: Es fehlt pädagogisches Fachpersonal. Zur Gruppenschließung wird es aller Voraussicht nach aber nicht kommen. „Wir unternehmen alles, um das zu verhindern“, sagt Buxtehudes Bürgermeisterin Katja Oldenburg-Schmidt.

Kita-Trägerschaft soll
aufgegeben werden

Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt des Lebenshilfe-Kita-Dramas: Iris Wolf will für die Lebenshilfe die Trägerschaft für die gesamte Kita mit vier Gruppen loswerden. Das hat sie per Mail und anschließend in einem Brief der Stadt mitgeteilt. So schnell wie die Lebenshilfe aus der Verantwortung heraus will, wird das aber nicht funktionieren: Die fristgerechte Kündigung der Betriebsführungsverträge ist erst zum Juli 2022 und nicht schon zum kommenden Kindergartenjahr möglich. Gleichwohl gilt auch hier: „Wir sind um eine dauerhafte und tragfähige Lösung bemüht“, sagt Katja Oldenburg-Schmidt. Seitens der Verantwortlichen der Stadt hat Iris Wolf den praktischen Tipp bekommen, akute Personalengpässe auch mit Hilfe von Zeitarbeitsfirmen zu überbrücken. Außerdem prüft Buxtehude, wie die Wolfsgruppe zumindest vorübergehend mit eigenem Personal bestückt werden könnte. „Wir führen mit Bewerbern Gespräche“, so die Bürgermeisterin.

Gruppenschließungen und Rückzüge der Lebenshilfe aus Kitas ziehen sich wie ein roter Faden durch die vergangenen Jahre. Und so wie jetzt in Immenbeck sei das immer eine überraschende Wende gewesen, sagen Kita-Insider. Die Lebenshilfe-Gruppe im Stieglitzhaus wurde bereits geschlossen und auch in der größten Lebenshilfe-Kita an der Orchideenstraße ist eine Gruppe seit Jahresanfang dicht. Im Januar fehlten dort auf einen Schlag sieben Fachkräfte. Unter anderem hatten zwei Kräfte gekündigt. Nach WOCHENBLATT-Informationen war die Wiedereröffnung dieser Gruppe für Oktober, dann für November geplant, und wurde jetzt vorerst aufgegeben. Die betroffenen Kinder wurden Anfang 2020 auf andere Gruppen an der Orchideenstraße verteilt und in städtischen Einrichtungen untergebracht. Schon damals, wie auch bei der Übernahme der Stieglitzgruppe, musste die Stadt in die Bresche springen, „Wir sehen die Not der Eltern und müssen handeln“, sagt Bürgermeisterin Katja Oldenburg-Schmidt.

Fachkräfte sind
kaum zu bekommen

Erzieherinnen und Sozialpädagogische Assistentinnen sind begehrte Fachkräfte und auf dem Arbeitsmarkt nur schwierig zu bekommen – ein Problem, mit dem alle Kitas und Krippen kämpfen. Die Lebenshilfe hat nach WOCHENBLATT-Informationen aber ein darüber hinausgehendes Fachkräfteproblem: Dort bewirbt sich kaum noch jemand für die Kitas. Ein Insider sagt, dass diese Engpässe immer wieder auftreten, weil die Lebenshilfe freie Stellen mangels Bewerbern nicht besetzen könne. Es fehlt offenbar an der Spitze der Einrichtung die Fähigkeit, trotz aller Probleme wie schlechter Bezahlung, attraktive Jobs mit einer positiven Arbeitsatmosphäre zu bieten.

In die aktuelle Immenbeck-Misere ist auch der Ortsvorsteher Stefan Schilling aus Daensen eingeschaltet worden, weil betroffene Eltern in seinem Ortsteil leben. Er hat sofort den Kontakt zur Stadtverwaltung gesucht und dort erfahren, was auch das WOCHENBLATT berichtet: Es werde alles getan, um die Gruppenschließung zu verhindern und die Kita langfristig zu sichern. Ob die Stadt selbst übernimmt oder einen anderen freien Träger sucht, stehe noch nicht fest, so Katja Oldenburg-Schmidt.  „Von Iris Wolf hätte ich mir eine andere Kommunikation mit den Eltern gewünscht“, sagt Stefan Schilling, der mit der blanken Panik konfrontiert wurde. Die reiße auch leider nicht ab, weil noch immer kommuniziert werde, dass unter Umständen auch die ganze Kita schließen müsse. Es würden Gerüchte verbreitet und die Lebenshilfe müsste dem energisch entgegentreten, so Schilling. Er habe zudem erfahren, dass es jüngst bei Betreuungsproblemen morgens um sechs die Nachricht per WhatsApp gab: „Sorry, heute fällt die Kita aus.“ Auch das sei keine gute Kommunikation.

Es gibt übrigens pädagogische Fachkräfte aus der Immenbecker Kita, denen schon jetzt in anderen Einrichtungen ein Job angeboten wurde. Etwas, das die Verantwortlichen der Stadt Buxtehude mit Sorge erfüllt. Sie wollen das bestehende Team schließlich halten.
Weil Fachkräftemangel allein nicht der Grund sein kann, warum Gruppenschließungen immer wieder ein Problem der Lebenshilfe-Kitas sind, sind die Verantwortlichen dieser Institution gefordert. Neben der Geschäftsführerin Iris Wolf ist das auch der ehrenamtlich tätige Aufsichtsrat, der die Lebenshilfechefin berufen hat.

Lebenshilfe-Chefin
nimmt Stellung

Lebenshilfe-Geschäftsführerin Iris Wolf antwortet auf Fragen der Redaktion zur Situation in Immenbeck per Mail, weil sie bis Ende Oktober im Urlaub weilt.

Die Lebenshilfe bemühe sich seit Jahren den Standort Immenbeck zu halten. Dort werde inklusive Arbeit allerdings wenig nachgefragt. „Der Bedarf ist an diesem Standort nicht vorhanden“, sagt Iris Wolf.
Aufgabe der Lebenshilfe sei es, Menschen mit Unterstützungsbedarf zu fördern, erklärt die Geschäftsführerin. Diese Aufgabe bringe es auch mit sich, dass die Lebenshilfe Kitas betreibe. Dabei gehe es aber nicht darum, grundsätzlich Kita-Plätze zu schaffen, sondern erstrangig darum, inklusive Kita-Plätze anzubieten. „Die Schaffung von Kita-Plätzen ist die Aufgabe von Städten und Kommunen.“
Die Lebenshilfe beschäftige rund 200 Mitarbeiter. Davon seien rund die Hälfte Erzieher. Die Vergütung sei in diesem Bereich zu schlecht, um den Beruf attraktiv zu machen. Die fehlende Bezahlung bei der Ausbildung komme noch hinzu. Daran – auch am Betreuungsschlüssel – habe das „Gute-Kita-Gesetz“ nichts verändert, so Wolf.

„Wir werden uns auf unsere satzungsgemäße Aufgabe konzentrieren und nicht mehr eine Kita führen, die zu 95 Prozent Regelkinder betreut“, sagt Iris Wolf. Sie hält eine Kündigung des Betriebsvertrags zum Wechsel des kommenden Kita-Jahres für richtig. Die Lebenshilfe sei aber auch bereit, die Immenbecker Kita bis zum Jahreswechsel 2022 weiterzuführen. Die Gruppen könnten aber nur geöffnet bleiben, wenn das notwendige Personal vorhanden sei. „Das können wir zurzeit nicht“, so Wolf. Sie fügt hinzu: „Somit wird die Gruppe Wölfe von uns geschlossen.“ Der Hansestadt falle es momentan leichter, Personal zu finden.

KOMMENTAR: Verantwortung
hat nichts mit Satzung zu tun

Es sei nicht die satzungsmäßige Aufgabe der Lebenshilfe Buxtehude, Kitas zu betreiben, sagt Iris Wolf. Es dürfte allerdings, auch ohne in einer Satzung festgeschrieben zu sein, die Aufgabe der Lebenshilfe sein, verantwortlich zu handeln. Wer das Aus für eine Gruppe und sogar eine ganze Kita unter anderem mit dem Argument „Satzung“ rechtfertigt, handelt nicht verantwortungsvoll. Die Lebenshilfe versetzt Eltern in Panik und teilt der Stadt so ganz nebenbei mit, dass sie die Immenbecker Kita abgeben will. Ohne Vorankündigung und ohne Vorgespräche. Auch das ist verantwortungslos. Das muss als Kritik so deutlich benannt werden, daher berichtet und kommentiert das WOCHENLBATT ausführlich.

Fachkräftemangel in Krippe und Kita sind ein Riesenproblem – doch andere bekommen es auch hin. In Buxtehude, das pfeifen die Spatzen von den Dächern, sind Jobs in Lebenshilfe-Kitas alles andere als begehrt.

Vor einigen Jahren ist Iris Wolf vom ehrenamtlichen Vorsitz des Aufsichtsrates auf den Posten der hauptamtlichen Geschäftsführerin gewechselt. Sie steht an der Spitze und sie trägt die Verantwortung. Die „Causa Immenbeck“ zeigt: Iris Wolf wird dieser Verantwortung als Chefin einer Institution von der Größe eines mittelständischen Unternehmens nicht gerecht. Es reicht nicht, schöne und gute Visionen, wie die einer neuen, inklusiven Schule, zu verfolgen und das, was ist, vor die Hunde gehen zu lassen. Die Lebenshilfe und Iris Wolf tragen Verantwortung gegenüber Kindern, Eltern und Mitarbeitern. Diese Selbstverständlichkeit
muss nicht in einer Satzung definiert werden. Tom Kreib

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