Geschäftsführerin der Lebenshilfe Buxtehude zum Kita-Aus Erklärung von Iris Wolf im Wortlaut

Der Brief von Lebenshilfe-Geschäftsführerin Iris Wolf zur Abgabe der Trägerschaft der Kita „Inne Beek“ im Wortlaut: 

Hintergründe zur Entscheidungen der Lebenshilfe für die Kita Inne Beek
Gesamtsituation der Kindertagesstätten in Buxtehude
Sehr geehrte Bürgermeisterin,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich kann sehr gut verstehen, dass Sie alle den Wunsch nach einfachen Erklärungen haben.
Es mag dem Anspruch eines Anzeigenblattes an Auseinandersetzung mit einem Thema
genügen nach „der Schuldigen“ zu suchen, den Bedürfnissen der Kinder und Eltern wird es
in keiner Weise gerecht. Im Gegenteil, es schadet, sowohl dem Thema der Kinderbetreuung
in Kindertagesstätten als auch der Inklusion in Buxtehude!

Komplexe Zusammenhänge benötigen eine fachliche Auseinandersetzung, um beurteilt
werden zu können. Sicher kann man nicht erwarten, dass alle Beteiligten mit dem Kindertagesstättengesetz
(Kitag) vertraut sind, es würde aber sehr helfen, um das Thema zu
besprechen.

Unsere Gesellschaft hält zusammen, weil wir alle uns an Gesetzen orientieren und diese
respektieren. Das Kindertagesstättengesetz ist die Grundlage der Arbeit in Kita ‚ s. Es gilt
für alle Träger im gleichen Umfang. Für die Wolfsgruppe, eine Regelgruppe, bedeutet dies,
dass sie mit 20 Kindern besetzt werden kann (da die Raumgröße keine 25 Kinder zulässt-
2qm pro Kind ist die Grundlage). Die Kinder sind zu betreuen von einer/einem staatliche
anerkannten Erzieher/in und mindestens einer sozialpädagogischen Assistentin (bestenfalls
einer weiteren staatlich anerkannten Erzieher/in). Die Erzieherin ist die Gruppenleitung,
die sozialpädagogische Assistentin die Zweitkraft.

Die Arbeitszeit der Erzieher orientiert sich an der Öffnungszeit der jeweiligen Gruppe. In
der Wolfgruppe war dies bisher so, dass die folgende Arbeitszeit der Mitarbeiterinnen, laut
Kitag, verpflichtend vorzuhalten war: die Betreuungszeit von 40 Std./Woche jeweils einer
Mitarbeiterin und die Verfügungszeit von 7,5 Std./Woche (für beide Mitarbeiter zusammen).
Die Betreuungszeit müssen beide Kräfte abdecken= insgesamt 80 Std/Woche, sowie 7,5
Std./Woche Verfügungszeit, die von einer Mitarbeiterin übernommen werden kann. Dies
kann nicht von 2 Mitarbeiterinnen abgedeckt werden, da die wöchentliche Arbeitszeit nach
TVÖD auf 39 Std./Woche festgelegt ist. Jeder Träger ist verpflichtet, gegenüber dem Kultusministerium
zu bestätigen, dass diese Richtlinien eingehalten werden. In einem dafür
bestimmten Programm (Kita-Web) sind die Mitarbeiter namentlich, mit Qualifikation und
Stundenumfang einer Gruppe zuzuteilen.

Ebenfalls zu dokumentieren ist, welcher Mitarbeiter mit welcher Qualifikation die Vertretung
dieser Mitarbeiter übernimmt. Zur Ermittlung der Vertretungsstunden werden Durchschnittswerte
zu Grunde gelegt. Die Stadt Buxtehude geht davon aus, dass ein Mitarbeiter
im Durchschnitt 13 Tage im Jahr arbeitsunfähig ist, 30 Tage Jahresurlaub hat und an 3
Tagen im Jahr an Fortbildungen teilnimmt. Fortbildungen sind verpflichtend. Für diese
Stunden muss eine Vertretung vorhanden sein.

Auf Grund der Arbeitssituation sind die durchschnittlichen Krankentage höher, als 13 Tage
im Jahr. Dieser Umstand findet keine Berücksichtigung bei der Abrechnung mit dem Kostenträger.
Plötzliche Ausfälle von Mitarbeitern auf Grund von Beschäftigungsverboten
(Schwangerschaft) auch nicht. Beide „Risiken“ sind vom Kita-Träger zu trafen.
Erfüllt man die oben angegebenen Mindestanforderungen, erhält man als Träger die Betriebserlaubnis
durch das Kultusministerium. Kann man die Mindestanforderungen nicht
erfüllen, kann die Betriebserlaubnis nicht erteilt werden, bzw. kann diese entzogen werden.
Nur wenn man diese Mindestanforderungen erfüllt, greift auch der Versicherungsschutz
des Trägers, im Falle eines Unfalls (Mitarbeiter/in, oder Kind).

Die Verantwortung für die Einhaltung der Regeln trägt die Geschäftsführung des jeweiligen
Trägers, für die Einhaltung der Regeln vor Ort ist die Kita-Leitung verantwortlich.
Die Umsetzung der Regeln vor Ort, obliegt den Mitarbeiterinnen in den Gruppen. Entscheidet
sich der Träger aus der Not heraus, die Mindeststandards nicht anzuwenden, tragen
diese Entscheidung körperlich und psychisch die Erzieherinnen vor Ort! Sie fördern, tragen,
wickeln, trösten mehr Kinder, als gesetzlich vorgesehen. Die Belastung ist enorm und
macht krank! Kinder und Mitarbeiterinnen leiden unter dieser Situation.

Wenn ein Träger eine Trägerschaft übernimmt, verpflichtet er sich, nach dem Kitag zu arbeiten.
Unsere Erfahrung in den letzten Jahren hat sehr deutlich gemacht, dass dies auf
Grund der dramatischen Personalnot im Bereich der Kindertagesstätten immer schwieriger
wird. Anders als z. B. bei den Vorgaben der Straßenverkehrsordnung, kennen sich Eitern
und Redakteure, vielleicht auch einige Mitglieder des Jugendhilfeausschusses, nicht mit
den Vorgaben des Kitag aus. Sonst würden Sie sicherlich nicht verlangen, dass wir als Träger,
bildlich gesprochen, bei ROT über die Ampel fahren, ohne TÜV und viel zu schnell.
Vielleicht aber doch, weil Sie ja nicht der Fahrer sind, wieder bildlich gesprochen, das bin
ja ich.

Bei allem Verständnis für die Notsituation der Eitern bin ich nicht dazu bereit die Verantwortung
für diesen Verstoß zu übernehmen.

Seit Jahren ist das Thema des Fachkräftemangels bekannt. Seit Jahren wird darüber diskutiert,
die Ausbildung der Erzieherinnen zu vergüten, damit interessierte Schüler es sich
leisten können, diesen Beruf zu erlernen. Die Stadt Stade hat sich dafür entschieden die
Ausbildung zu vergüten. Buxtehude bisher leider nicht. Der Beruf würde auch attraktiver
sein, wenn der Betreuungsschlüssel für Regelgruppen reduziert würde. Der Betreuungsschlüssel
1:12,5 Kinder führt dazu, dass die Belastung der Mitarbeiterinnen sehr hoch ist.
Erzieherinnen werden in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt, z. B. in der Schulassistenz,
oder in der nachschulischen Betreuung (OGS). Beide Einsatzorte sind auf Grund der
Bedingungen in diesen Bereichen oft attraktiver für Erzieherinnen, als die Kita. Der Ausbau
der inklusiven Beschulung und der Offenen Ganztagsschule in Buxtehude haben den Bedarf
an Erzieherinnen deutlich erhöht. Wie Sie an den beigefügten Artikeln erkennen ist
das Problem bekannt, mit Nichten ein alleiniges Problem der Lebenshilfe, und auch in der
örtlichen Presse schon mehrfach beschrieben worden.

Da wir in der Kita Inne Beek eine Erzieherin hatten, die ins sofortige Beschäftigungsverbot
gehen musste, eine Erzieherin gekündigt hat, da sie die Arbeitszeit reduzieren wollte und
zum 30.10.2020 eine weitere Erzieherin gekündigt hat, die im Landkreis in einer Integrativen
Gruppe arbeiten wollte, war uns sehr bewusst, dass wir für die Wolfsgruppe zum
01.11.2020 kein Personal haben. Frau Schnarr-Agoston und ich haben dies umgehend an
das Jugendamt gemeldet und die Konsequenzen besprochen. Ohne die Unterstützung des
Jugendamtes hätten wir die Gruppe schließen müssen, da es sehr unrealistisch ist, innerhalb
so kurzer Zeit 2 Mitarbeiter mit geeigneter Ausbildung nachbesetzen zu können.
Am 27.10.2020 konnten wir den Elternvertretern der Kita Inne Beek, den Eltern der Wolfsgruppe
gemeinsam mit Frau Lange-Reichardt eine Lösung präsentieren, die Weiterführung
der Wolfgruppe ermöglicht.

Es ist eine fragile und schnelle Lösung, die wir gemeinsam erarbeitet haben. Ermöglicht
hat dies ein Rettungsteam, da komplexe Probleme nur durch übergreifende Hilfe zu lösen
sind.

Die Hansestadt wird eine Springkraft (Erzieherin) einer anderen Kita in unsere Kita abordnen.
Dies ist nur durch den Verzicht der städtischen Kita möglich, wofür wir sehr dankbar
sind. Die Lebenshilfe stellt ebenfalls eine Springkraft (Heilerziehungspfleger) für diese
Gruppe ab und setzt einen weiteren Heilerziehungspfleger ein, der über einen Personaldienstleister
gefunden wurde. Die Wolfsgruppe verzichtet ab 01.11. auf Betreuungszeit
Auch die anderen drei Gruppen der Kita Inne Beek müssen mit Reduzierung der Betreuungszeit,
oder Gruppenschließungen auf Grund von Personalausfällen rechnen, da keine
Springkraft in der Kita ist. Es wird somit deutlich, dass es großer Anstrengungen von vielen
Akteuren brauchte, um so zeitnah eine Lösung für diese Gruppe zu finden. Eine Lösung,
die die Betreuung sichert, aber nicht alles anbieten kann, was zum Gruppenalltag und zum
Anspruch der Kinder und Eltern laut Kita-Gesetz zur Gruppenarbeit gehört. Eine Situation,
die leider vielen Kita’s in Buxtehude und Umgebung wohl vertraut ist. Wir alle verwalten
einen Mangel. Jugendamt, Trägern und Eltern ist dieser Mangel seit Jahren bekannt. Aber
wir alle tun so, als wäre es trotzdem möglich, die Kita’s nach den gesetzlichen Vorgaben zu
führen. Würden Sie genauer hinsehen, wäre sehr deutlich, dass dies nicht so ist!
Die Lebenshilfe unterstützt, seit 1962, Kinder bei der Teilhabe in der Gemeinschaft. Wir
wissen, dass für eine individuelle Förderung eines jeden Kindes sowohl die personellen,
fachlichen, zeitlichen und räumlichen Ressourcen entscheidend sind. Mit einer Übernahme
einer Trägerschaft, setzt man vertraglich fest, zu welchen Bedingungen eine Kita zu führen
ist und bestätigt gleichzeitig, dass man dem Vertrag entsprechen kann. Die Erfahrungen
der letzten Jahre haben uns deutlich gemacht, dass wir unter den gesetzlichen Bestimmungen
für Regelgruppen, unserem Anspruch an individueller Förderung, nicht gerecht
werden können. Der Umstand, dass das Gebäude der Kita Inne Beek auch nach 30 Jahren
inklusiver Arbeit dort, noch immer nicht behindertengerecht ist, hat zur unserer Entscheidung
beigetragen, die Trägerschaft der Kita Inne Beek, vertragsgerecht zum 31.07.2022,
zu kündigen.

Die Vorstellung der Lebenshilfe von einer individueller Förderung jeden Kindes entspricht
Ziel 4- Bildung, der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, die am 25. September 2015 auf
dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung von der Generalversammlung der Vereinten
Nationen verabschiedet wurde. Es besagt für den Bereich der Kita:
Bis 2030 ist sicher zu stellen, dass alle Mädchen und Jungen Zugang zu hochwertiger
frühkindlicher Erziehung, Betreuung und Vorschulbildung erhalten, damit sie auf die
Grundschule vorbereitet sind.

2030 ist nicht mehr weit! Um das Ziel erreichen zu können ist es wichtig, dass jetzt die
Weichen gestellt werden.

Unser eigenes Gebäude in der Kita Orchideenstraße ist behindertengerecht gebaut. Wir
betreuen hier insgesamt 79 Kinder, 20 davon mit Unterstützungsbedarf. Das entspricht
unserem Verständnis von Inklusion.

Die Lebenshilfe will auch weiterhin Kinder an ihrem Wohnort, mit und ohne Unterstützungsbedarf,
fördern und dazu beitragen, dass Buxtehude inklusiver wird. Es muss normal
sein, verschieden zu sein! In behindertengerechten Gebäuden können wir uns in Zukunft
auch die Trägerschaft für weitere Kindertagesstätte vorstellen.
Ich hoffe sehr, dass es mir gelungen ist, Ihnen unsere Beweggründe für die Kündigung der
Trägerschaft zu erklären. Für die zukünftige Zusammenarbeit wünsche ich mir, dass Sie
uns vertrauen und davon ausgehen, dass wir unsere Entscheidungen zum Wohle der Kinder
treffen. Das Wohl der Kinder im Blick zu haben, heißt auch, den Mitarbeiterinnen
Arbeitsbedingungen zur Verfügung zu stellen, die ihre Arbeit wertschätzt und sie nicht
überfordert. Es macht keinen Sinn, unterhalb der gesetzlichen Standards zu arbeiten.
Weder für die Mitarbeiterinnen, noch für die Kinder. Die Lebenshilfe wird sich solchen Forderungen
weiterhin widersetzen, auch wenn „andere“ dies angeblich tun.
Wir haben viel aus den Erfahrungen der letzten Wochen gelernt.

In Zukunft werden wir den Jugendhilfeausschuss und den Präventionsrat ansprechen,
wenn wir Unterstützung benötigen.

Auch die Eltern werden wir stärker als bisher einbeziehen, um uns gemeinsam für Verbesserungen
im Bereich der Kita-Arbeit einzusetzen. Dass die Elternvertreterinnen aus Inne
Beek eine Petition gestartet haben, freut uns sehr! Bitte unterstützen auch Sie diese Petition.
Den Link finden Sie in unserer Mail.

Die Unterstützung durch eine städtische Kita-Leitung hat uns ebenso gefreut und dazu
animiert, enger mit den Leitungen der städtischen Kita’s und der freien Träger zusammen
zu arbeiten, um gemeinsam für bessere Bedingungen zu kämpfen. Wir sitzen alle in einem
Boot.

Die Presse in Buxtehude bitte ich um Fairness! Worte können wie Schläge sein. Gehen Sie
also bitte professionell mit ihrer „Macht“ um.

Sollten Sie Fragen haben, oder Rückmeldungen geben wollen, sprechen Sie mich gerne an.

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