Ungeahnte Kräfte freigesetzt Seit mehr als 45 Jahren blind: Wie Angelika Poppe von „Frau Poppes“ aus Neu Wulmstorf ihren Alltag meistert

Nicht einen Tag lang hat Angelika Poppe aus Neu Wulmstorf damit gehadert, dass sie blind ist. „Ich bin ein Kämpfer“, sagt sie. „Ich nehme die Dinge so hin, wie sie sind. Und wenn man mit seinem Schicksal im Reinen ist, setzt das ungeahnte Kräfte frei.“ Auch ohne sehen zu können, hat sie – gemeinsam mit ihrem Ehemann – die gemeinsame Tochter aufgezogen, hat ihren Haushalt perfekt im Griff, kocht und backt leidenschaftlich gerne und strickt Decken und Jacken mit aufwendigen Mustern. Zudem hat Angelika Poppe im Laufe ihres Lebens mehrere Ehrenämter bekleidet, unter anderem als Beraterin bei den Anonymen Alkoholikern, als Seelsorgerin im Krankenhaus Buchholz und im Hospiz. „Die Sinne verändern sich“, erklärt sie, wie sie ohne Augenlicht zurecht kommt. „Das Gehör wird intensiver, Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn bekommen eine höhere Bedeutung und auch der sogenannte siebte Sinn nimmt zu.“ Oftmals spüre sie einfach, dass sich vor ihr eine Wand befindet, noch bevor sie dagegen stößt. Sie lernte Blindenschrift und mit dem Blindenstock umzugehen. Die kleine Tochter lernte schon früh, dass nichts auf dem Boden herumliegen durfte. Ihre Wohnung putzt Angelika Poppe nach System – mit besserem Ergebnis als bei manch sehenden Personen: Nicht ein Staubkörnchen ist zu entdecken, nicht eine Schliere befindet sich auf der Fensterscheibe.
Es war ein Verkehrsunfall auf der Straße von Rade nach Moisburg, der der damals jungen Mutter vor rund 45 Jahren das Augenlicht nahm: Bei Schneetreiben raste ein betrunkener Autofahrer in ihr Fahrzeug, Angelika Poppe flog mit dem Kopf durch die Windschutzscheibe. „Ein Auge war sofort weg, das andere wurde 17 Mal operiert, bis klar war, dass ich nie wieder sehen würde“, erzählt sie.
Mittlerweile hat Angelika Poppe zwei Glasaugen und trägt eine abgedunkelte Brille – dennoch hat jeder Gesprächspartner das Gefühl, sie schaue ihn direkt an. „Das liegt daran, dass ich mich am Mund meines Gegenübers orientiere“, erklärt sie.
Ein und ein Viertel Jahr lag sie nach dem Unfall in Hamburg-Eppendorf im Krankenhaus, während ihr Ehemann und ihre Schwiegermutter die kleine Tochter versorgten. Als Angelika Poppe wieder zuhause war, stellte sie irgendwann fest, dass ihr Mann mit der Situation überfordert war und zu trinken angefangen hatte.
„Das war die einzige Zeit, in der ich mit meinem Schicksal gehadert habe“, erinnert sie sich. „Als blinde Frau konnte ich ihm nicht helfen.“ Schließlich „retteten“ sich die beiden Eheleute dennoch gegenseitig: Sie ihn, indem sie ihm alle Möglichkeiten nahm, heimlich zu trinken, und mit ihm zu den Anonymen Alkoholikern ging, wo beide später auch ehrenamtlich tätig waren. Und er sie, indem er ihr in einem Streitgespräch sagte, sie solle endlich etwas für sich selbst tun, anstatt neidisch auf ihn zu sein, weil er sehen könne – und sie dann auch Zeit seines Lebens bei allen Vorhaben unterstützte. „Der Streit damals ging um Geld“, erinnert sie sich. „Er gab Geld für seine Hobbys aus, und ich versuchte, das Geld beisammenzuhalten. Erst nach diesem Streit habe ich auch in mich investiert und Kurse besucht, um zum Beispiel Blindenschrift zu lernen.“ Als ihr Mann vor drei Jahren im Alter von 69 Jahren überraschend starb, hatte Angelika Poppe zunächst ein Tief und auch Existenzängste. „Aber selbst in dieser Zeit habe ich nicht den Mut verloren.“
Sie ging zur Trauerverarbeitung eine Woche lang in ein Kloster, schöpfte neue Kraft, verkaufte dann mit Hilfe der Bank ihr Haus in Moisburg und zog nach Neu Wulmstorf in eine schöne Wohnung. „Ich habe hier wirklich zauberhafte und hilfsbereite Nachbarn“, freut sie sich über die Wendung in ihrer Biografie. Und auch ihre Tochter, die beiden Enkelkinder sowie der Lebensgefährte ihrer Tochter stehen ihr immer bei. „Ich habe ein wirklich schönes, spannendes und erfülltes Leben“, sagt Angelika Poppe.

Das Gesicht von „Frau Poppes“
 Angelika Poppe ist Mitentwicklerin und Gesicht von „Frau Poppes“ Würzmischungen für Frikadellen, die aktuell unter anderem in regionalen Supermärkten angeboten werden. Auf die Idee, diese Würzmischungen zu entwickeln und zu vertreiben, kam Thomas Leiendecker, ein gelernter Koch und Lebensgefährte ihrer Tochter, nachdem er die Frikadellen von Angelika Poppe probiert und sie für perfekt befunden hatte. Vom Verkauf jeder Tüte wird der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. mit 5 Cent unterstützt. „Das ist wie ein Bonbon in meinem Leben“, freut sich Angelika Poppe, „ein Dankeschön an mich selbst.“

Mit den Würzmischungen der blinden „Frau Poppes“ gelingen perfekte Frikadellen

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