Vier Jahre währende Odyssee beendet Esrafeel endlich mit seiner Familie in Buxtehude vereint

tk. Buxtehude. Dass Deutsch eine ziemlich schwierige Sprache ist, die er jetzt erst lernen muss, ist für Esrafeel Talibi (14) das kleinste Problem in seinem neuen Leben in Buxtehude. Was der Jugendliche und seine Familie in den vergangenen Jahren durchleben und erleiden mussten, sprengt die Grenzen des Vorstellbaren: Vier Jahre lang waren Esrafeel und seine Familie, Mutter, Vater und zwei jüngere Geschwister, voneinander getrennt. Er in Afghanistan und Pakistan, seine Familie in Buxtehude. Die Wiedervereinigung war eine vier Jahre währende Odyssee durch den schier unüberwindbaren bürokratischen Dschungel.

„Wir sind so glücklich“, sagt Mutter Sara Talibi. Ihr Lächeln spricht eine noch deutlichere Sprache, als Worte es ausdrücken können. Das sah vier Jahre lang ganz anders aus (das WOCHENBLATT berichtete). Nachdem die Familie auf der Flucht von Afghanistan nach Europa im Iran nahe der türkischen Grenze getrennt wurde, sind Esrafeel mit Tante und Onkel in ihre alte Heimat zurückgeschickt worden. Mutter, Vater und zwei Kinder fanden schließlich in Buxtehude einen sicheren Hafen. Doch Esrafeel blieb zurück, lebte immer wieder bei anderen Menschen.

Krank vor Sorge

„Ich habe jeden Tag geweint“, sagt Sara Talibi. Die Angst um ihren Ältesten und die Ungewissheit, ob es je ein Wiedersehen geben würde, habe sie krank gemacht. Ein halbes Jahr ist Esrafeel jetzt in Buxtehude und lebt sich ein. Seine Eltern und ihre engagierte Unterstützerin, die Buxtehuder Lehrerin Sandra Banerjea, wollen allen Danke sagen, die sich für den Jugendlichen und seine Rückkehr eingesetzt haben.

Familienzusammenführung immer wieder ausgebremst

„Am Ende ging alles relativ schnell“, blickt Sandra Banerjea auf das vergangenen Jahr zurück. Was davor lag, ist unendliches Leid. Die Grundschullehrerin aus Buxtehude hat vier Jahre lang Familie Talibi unterstützt. „Ich bin so froh, dass doch noch alles gut gegangen ist“, sagt Esrafeel, hinter dem eine Odyssee durch verschiedene Städte in Afghanistan und Pakistan liegt. Immer wieder wurde die Familienzusammenführung ausgebremst. Immer wieder keimte Hoffnung auf, die dann zunichte gemacht wurde.

Deutsche Behörden und die deutsche Botschaft in Islamabad stellten immer neue Hürden auf, benötigten zusätzliche Unterlagen, Beglaubigungen, Übersetzungen. Letztendlich war ein DNA-Test ausschlaggebend für die Erlaubnis zur Einreise. Dieser belegte zweifelsfrei, dass Esrafeel der Sohn der Talibis ist. „Der Test wurde vorher immer verweigert“, sagt Sandra Banerjea. Nachdem der zuständige Botschafts-Mitarbeiter gewechselt hatte, sei der Test plötzlich möglich gewesen und die Mission Wiedervereinigung nahm Fahrt auf. Vorher war sogar der Stader CDU-Ratsherr Nasir Rajput in der Botschaft in Islamabad persönlich vorstellig geworden – und konnte doch nichts ausrichten. Er kam nach Banerjeas Worten schlichtweg nicht an den zuständigen Mitarbeiter heran – trotz Termin.

Sicheres Zuhause in Kabul dank Unterstützung aus Jork

Für die Helfer in Deutschland war über die Jahre oft schnelles Improvisieren gefragt. Einen besonderen Dank richtet Sandra Banerjea dabei an Familie Ghorwall aus Jork. Die Frau des Jorker Allgemeinmediziners Dr. Ghorwall, mit Familienbeziehungen in Afghanistan, habe es binnen Minuten ermöglicht, dass Esrafeel in Kabul bei ihren Eltern einziehen konnte. Ein Jahr hatte er dort eine sichere und feste Unterkunft. Und das ohne finanzielle Zuwendungen. Sandra Banerjea: „Den ersten sogenannten Gastvater musste Familie Talibi dagegen sehr teuer bezahlen.“ Die feste Adresse in Kabul war wichtig, weil sonst die Botschaft in Islamabad keine Einreisegenehmigung für Deutschland erteilt hätte.

Angst vor Entführung

Für Esrafeel hat jetzt wieder die Normalität begonnen – in einem fremden Land. Seine Geschwister sind schon perfekt angekommen. „Die ganze Zeit der Trennung ist mein Sohn nicht zur Schule gegangenen“, sagte Mutter Sara Talibi. Er durfte eigentlich nie vor die Tür, ergänzt sein Bruder Ahmed. Das sei zu gefährlich gewesen. Die Bedrohung: Weil die Eltern in Deutschland leben, hätten Entführer auf die Idee kommen können, Esrafeel zu verschleppen und ein Lösegeld zu fordern.

„Wir danken allen, die uns geholfen haben“, sagt Vater Ismail Talibi. Viele Menschen haben auf ein Konto der Diakonie gespendet und es dadurch erst möglich gemacht, dass alle Unterlagen zusammenkamen und der Flug gen Deutschland möglich wurde. „Jeder einzelne Cent wurde für Esrafeel ausgegeben“, betont Sandra Banerjea.

Berufswunsch: Polizist

Für den Jugendlichen geht es jetzt darum, in seinem neuen Zuhause anzukommen. Sein jüngerer Bruder hat ihm schon viel von Buxtehude gezeigt und steht auch als Dolmetscher an seiner Seite. Esrafeels Berufswunsch – auch der seines Bruders – ist übrigens Polizist. Ein gutes Ziel, denn den Glauben daran, dass sich letztendlich das Recht durchsetzt und sich alles zum Guten wendet, haben die beiden Jugendlichen schon früh erfahren. Dazu passt perfekt, dass Schwester Setarah Anwältin werden möchte. „Nie aufgeben, vor allem nie die Hoffnung verlieren“ ist das, was Familie Talibi anderen mit auf den Weg gibt, die in einer ähnlich verzweifelten Lage sind.

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