Was eine Mutter zur Verzweiflung treibt Sie liebt ihren Sohn und hat Angst vor ihm

tk. Jork. Andrea Ahrens (55) liebt ihren Sohn Niklas (30). „Eigentlich ist er ein total lieber und witziger Kerl“, sagt seine Mutter. Der Satz „Ich habe Angst vor meinem Sohn“ fällt ihr daher sehr schwer. Doch genau das ist der Fall und die Frau aus Jork stand in einer Extremsituation alleine da. Niklas hat das Down-Syndrom und in den vergangenen anderthalb Jahren kam es immer wieder zu sogenannten Impulsdurchbrüchen. Der 30-Jährige zeigte aggressives Verhalten. In seiner Wohngruppe der Lebenshilfe Buxtehude und auch gegen seine Mutter. „Warum das so ist, weiß keiner“, sagt Andrea Ahrens. Die Odyssee bei der Suche nach einem neuen Zuhause für Niklas zeigt: Es fehlen Plätze für Menschen, die eine besondere Betreuung durch besonders gut  geschultes Personal brauchen. Derzeit ist der junge  Mann per richterlichem Unterbringungsbeschluss in der Psychiatrie „geparkt“.

Als das WOCHENBLATT mit Andrea Ahrens spricht, sieht sie wieder Hoffnung. „Vermutlich kann Niklas in Lüneburg in einer Einrichtung leben.“ Diese Lösung nimmt ihr mehr als eine große Bürde. Wenn die Jorkerin über die vergangenen Wochen spricht, hört ihr der Gesprächspartner fassungslos zu und fragt sich: Wieso gibt es keine schnelle Hilfe?

Zehn Jahre lebte Niklas im betreuten Wohnen für Menschen mit Behinderung. „Dort fühlte er sich wohl, das war sein Zuhause“, sagt Andrea Ahrens. Anfang September zeigte er aber einmal wieder aggressives Verhalten und kam mit Polizeibegleitung in die Psychiatrie des Elbe Klinikums Stade. Dort wurde er nicht stationär aufgenommen und die Einrichtung wollte  ihn ebenfalls nicht wiederhaben.

„Also kam er zu mir“, sagt sie. Ihr Sohn sei tieftraurig und völlig neben der Spur gewesen. Aufgrund seiner Beeinträchtigung könne er aber nicht darüber reden. Es passierte dann das, was die Mutter befürchtet hatte: „Er wurde auch mir gegenüber aggressiv.“ Sie ließ ihn erneut in die Psychiatrie einweisen und zum zweiten Mal wurde er nach Hause geschickt. „Ich bin nicht in der Lage, dem standzuhalten“, sagt Andrea Ahrens. Zudem ist sie berufstätig und arbeitet in einem Drei-Schicht-System. Jenseits der Probleme mit aggressivem Verhalten: „Welcher 30-Jährige will schon bei Mutti wohnen?“, fragt sie. Niklas, daran lässt seine Mutter keinen Zweifel, gehört nicht in die Psychiatrie. Erneut wurde Niklas gegenüber seiner Mutter gewalttätig. Doch die hatte mittlerweile vorgesorgt und einen Eilantrag auf Unterbringung gestellt, der gerichtlich genehmigt wurde. So kam ihr Sohn erneut in die Psychiatrie und für seine Mutter begann die nervenaufreibende Suche nach einem neuen Zuhause. „In drei Wochen habe ich mehr als 30 Einrichtungen kontaktiert.“  Für Menschen wie Niklas gibt es kaum Plätze. Ihr wurde sogar empfohlen, ihren Sohn in Kurzeitpflege zu geben – sprich in ein Seniorenheim. Ein Probetag bei LeA in Neu Wulmstorf wäre möglich gewesen, doch da war der junge Mann zwangsweise wieder in der Klinik.

Für Andrea Ahrens gilt jetzt das Prinzip Hoffnung, dass es mit Lüneburg klappt. Sonst weiß sie nicht mehr weiter: „Ich fühle mich von allen Seiten allein gelassen. Dass es so etwas in Deutschland gibt, hätte ich nicht gedacht.“

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