30 Jahre Deutsche Einheit: Leistung in der DDR wurde nicht anerkannt

os. Klecken. Wenn am Samstag, 3. Oktober, der 30. Jahrestag der Deutschen Einheit gefeiert wird, werden bei Birgit und Friedrich Meyer viele Bilder und Erinnerungen wieder hochkommen. Schöne und hässliche, harmonische und unbegreifliche, friedvolle und hasserfüllte. Das Rentner-Ehepaar, das in Klecken (Landkreis Harburg) lebt, hat das Leben in beiden deutschen Staaten so hautnah erlebt wie kaum ein anderes. Es erzählt von einem guten bürgerlichen Leben in der DDR, das sich nach einem Ausreiseantrag nach Westdeutschland ins Gegenteil verkehrte, als der Stasi-Staat knallhart durchgriff und seine krankmachende Unbarmherzigkeit demonstrierte. Es erzählt aber auch vom goldenen Westen, der sich als gar nicht so golden herauskristallisierte. Es erzählt von einem Paar, das seinen Ruhestand in Frieden und Freiheit genießt. Es erzählt aber auch von der Unmöglichkeit, mit der Vergangenheit endgültig abzuschließen. „Was wir erlebt haben, lebt in uns weiter!“, betont Friedrich Meyer (76). „Warum auch nicht? Ich leide nicht unter meiner Vergangenheit, aber ich vergesse sie auch nicht!“
Friedrich Meyer hat eine bewegte Biografie. Geboren 1944 in Klötze (Sachsen-Anhalt), wuchs er nach dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante auf. Seinen Wunsch, als Sportlehrer zu arbeiten, erreichte er im zweiten Anlauf. Zunächst musste er bereits als 14-Jähriger Maurer lernen. Erst danach durfte er an der Pädagogischen Hochschule Potsdam sein Studium für die Fächer Deutsch und Sport absolvieren. Ab 1967, in diesem Jahr heiratete er auch seine Birgit, unterrichtete Meyer als Lehrer in Salzwedel an der dortigen Maxim-Gorki-Oberschule Fünft- bis Zehntklässler – unterbrochen nur vom zweijährigen Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee.
Das Leben der Meyers und ihrer zwei Kinder verlief in geordneten Bahnen, bis zu dem Zeitpunkt, als der Wunsch immer größer wurde, Kontakt zu Birgit Meyers Mutter aufzunehmen, die die DDR früh verlassen hatte und in Hamburg wohnte. Diese „Westkontakte“ waren dem SED-Staat ein Dorn im Auge, und das bekamen die Meyers überaus deutlich zu spüren. „Wenn wir nicht zusammengehalten hätten, hätten wir diese schwierige Zeit nicht überstanden“, erinnert sich das Ehepaar. Nachdem Friedrich Meyer 21 Jahre lang als Lehrer an einer Oberschule in Salzwedel gearbeitet hatte, bekam er im Oktober 1988 Berufsverbot. Grund: Im August 1988 hatte er für sich und seine Familie einen Ausreiseantrag nach Westdeutschland gestellt. Meyer wollte der Aufforderung der SED-Führung nicht nachkommen, die „Westkontakte“ zur Mutter von Birgit Meyer zu kappen, die in Hamburg lebte. Von einem Tag auf den anderen wich das bürgerliche Leben mit engen sozialen Kontakten der Tyrannei durch die Staatssicherheit. Der studierte Lehrer musste sich danach als Montagehelfer verdingen, der Sohn verlor seinen Studienplatz. Was die Meyers erst später aus ihren Stasi-Unterlagen erfuhren und was sie bis heute aufwühlt: Fast jeder Schritt wurde vom Staat überwacht, zum Teil durch einen ehemaligen Schüler von Friedrich Meyer. Auch die Familie wandte sich von ihm ab: „Wer einen Ausreiseantrag stellt, entwickelt sich zurück“, sagte ihm seine Schwester.
Im August 1989 flüchteten die Meyers in die ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin. Nach fünf Wochen dort kehrten sie kurz nach Salzwedel zurück, bevor die Ausreise in den Westen per Bus quasi als Nacht- und Nebelaktion durchgeführt wurde – am 4. Oktober, wenige Wochen vor dem Mauerfall und im Nachhinein vielleicht zu früh.
In Westdeutschland gestaltete sich der Anfang in das vermeintlich bessere Leben schwer. Friedrich Meyer war arbeitslos, das Arbeitslosengeld ging komplett für die Miete drauf. Meyer stellte sich selbst bei einer Schule vor und bekam von der Hamburger Schulbehörde einen weiteren Nackenschlag: Trotz seines Pädagogikstudiums in Potsdam und seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Lehrer musste er erneut ein Referendariat absolvieren, garniert mit dem Spruch: „Sie müssen Ihre Abschlussarbeit schon mit Auszeichnung bestehen, denn wir können im Moment mit Lehrern die Straße pflastern.“ Dass er mit Mitte 40 das Referendariat wiederholen musste, empfand Friedrich Meyer als „schwere Ungerechtigkeit. Ich habe mich gefragt, warum ich von der Bundesrepublik so wenig Unterstützung bekomme. Menschen wie wir haben doch gerade die deutsche Einheit befördert und jetzt wurde ich bestraft.“ Er habe in dem Moment an den Spruch von Pierre Vergniaud aus dem 18. Jahrhundert denken müssen: „Die Revolution frisst ihre Kinder.“
Kurzzeitig überlegte die Familie, in die noch existierende DDR zurückzukehren. „Wir wollten aber nicht den Menschen begegnen, die uns drangsaliert haben“, erinnert sich Birgit Meyer. Ihr Mann gab trotz des Frusts nicht klein bei und schaffte das um sechs Monate verkürzte Referendariat mit Bravour. Kurz darauf fand er eine Stelle an der Haupt- und Realschule am Ehestorfer Weg in Hamburg-Harburg. Dort unterrichtete er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2009. Quasi indirekt rächte sich Meyer an der DDR, indem er die Schüler „im humanistischen Sinne der deutschen Klassik zu frei- und selbstdenkenden Menschen“ erzog. Und das überaus erfolgreich, wenn man sich die Schülerbriefe zum Abschied aus dem Schuldienst durchliest. Selbst Deutschmuffel brachte Meyer mit seiner Fähigkeit, für jede Lebenslage ein Gedicht aufsagen zu können, auf den rechten Weg.
Wie sie den 3. Oktober 1990 verbracht haben, wissen Birgit und Friedrich Meyer noch ganz genau: Sie nahmen an einer Tour in einem Oldtimer-Feuerwehrfahrzeug durch Hamburg teil, die das Freilichtmuseum am Kiekeberg organisiert hatte. „Ich habe laut aus dem Fenster gerufen: ‚Mit Feuer in die Zukunft!'“, berichtet der pensionierte Lehrer aus Klecken (Landkreis Harburg). In diesem positiv gemeinten Ausruf schwang aufgrund seiner Erfahrungen auch eine gehörige Portion Wut und Verzweiflung mit. 
Dass Deutschland vor 30 Jahren vereinigt wurde, begrüßen Birgit und Friedrich Meyer heute, trotz aller Hindernisse und Unwägbarkeiten. Es werde aber noch einige Zeit dauern, bis die Einheit auch in den Köpfen der Menschen abgeschlossen sei – kein Wunder bei der höchst unterschiedlichen, jahrzehntelangen Sozialisation. An die Westdeutschen gerichtet sagt Friedrich Meyer: „Vielen Bundesbürgern ist gar nicht bewusst, was sie nicht erleben mussten!“

Lesen Sie hier auch die Erinnerungen an die DDR von WOCHENBLATT-Mitarbeiterin Christiane Hein.

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