Dr. Dunja Sabra über Rassismus in Deutschland Rassismusdebatte: Blick von den USA auf uns lenken

tk. Buxtehude. „Die große räumliche Distanz zu den USA ermöglicht inhaltliche Nähe zum Thema Rassismus in Deutschland“, sagt Dr. Dunja Sabra. So entstehe die Möglichkeit, auch hierzulande stärker zu reflektieren, wie sich Rassismus in der deutschen Gesellschaft festgesetzt hat. „Vor einigen Wochen hätte ich nie gedacht, dass die größte Anti-Rassismus-Demo außerhalb der USA in Berlin stattfindet“, so Sabra.

Dr. Dunja Sabra war eine der Rednerinnen auf der friedlichen Anti-Rassismus-Demo am vergangenen Freitag in Buxtehude. Seit vielen Jahren engagiert sie sich, unter anderem bei den Buxtehuder Stadtteileltern für Integration und gegen Fremdenhass. Als Referentin ist sie eine gefragte Expertin. Das WOCHENBLATT wollte von ihr wissen, wie sie über Rassismus in Deutschland denkt, welche Wege es gibt, vorurteilsbehaftetes Denken zu überwinden.

„Auch in unserer Gesellschaft  gibt es strukturellen Rassismus und stumpfe Klischees“, sagt Dunja Sabra. Das lasse sich nicht leugnen. Die Ermordung des Afroamerikaners Georg Floyd durch einen Polizeibeamten in den USA habe auch bei uns eine Debatte ausgelöst, die Fahrt aufnehme und die wichtig sei.

Schubladen-Denken schon Form des Rassismus

„Wenn ich ein Gespräch mit den Worten eröffne, Du bist rassistisch, ist der Dialog vorbei“, sagt Dunja Sabra. Jetzt aber biete sich die Möglichkeit, viel über unsere Gesellschaft zu lernen, in dem wir den Blick von den USA auf uns lenken würden. Rassismus liege schon dann vor, wenn andere Menschen in Schubladen und Stereotype eingeordnet werden. Beispiel: Eine Frau die ein Kopftuch trägt, müsse zwangsläufig unterdrückt und meistens auch ungebildet sein. „So etwas erlebe ich selbst“, sagt Dunja Sabra. Es handele sich dabei um eine Art des Sich-Bemächtigens anderer Menschen durch Vorurteile Menschen. „Wir drängen Menschen in Nischen.“

Relikt aus der Evolutionsgeschichte

Grundsätzlich, so Dunja Sabra, könne sich niemand davon freisprechen, rassistische Denkmuster zu haben. „Das ist ein Relikt aus unserer Evolutionsgeschichte.“  Binnen Sekunden über Freund und Feind entscheiden zu müssen, gehörte vor Jahrtausenden zur überlebenswichtigen Grundausstattung. „Inzwischen hatten wir allerdings auch schon die Aufklärung“, meint Dunja Sabra. Wer sich des Vorhandenseins dieser Denkmuster bewusst ist, „der braucht nur noch den Schritt zur Vernunft zu gehen, um zu erkennen, dass es sich um rassistische Sichtweisen handelt“. So könne sich jeder selbst beim Schubladendenken ertappen und eigene Sichtweisen korrigieren.

Durch Videos wird Empathie für die Opfer entwickelt

Was der Wert der beinahe weltweiten Diskussion über Rassismus ist: „Durch Berichte und eindringliche Videos entwickeln Nicht-Betroffene viel mehr Empathie für die Opfer von Rassismus“, ist Dunja Sabra überzeugt.

„Ich bin optimistisch“, sagt Dunja Sabra. Sie halte an der Hoffnung fest, dass sich die Gesellschaft – auch die deutsche –  grundlegend ändern könne.

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